Stur starrte er auf die Tulpe, die in der hohen und schlanken Vase auf dem Wohnzimmertisch stand. Die Tulpe war orange und ihre besten Tage waren ganz klar vorbei – so empfand es zumindest Herr Reginald – der Kater des Hauses. So starrte er die Blume weiter an, in der Hoffnung, dass sie all ihre schon schmucklos in alle Richtungen stehenden Blütenblätter endgültig von sich werfen würde. Herr Reginald war in seiner Welt nämlich ein Held. Er konnte mithilfe seiner Blicke Wesentliches in diesem Haus kontrollieren. Wenn er gewollt hätte, brächte er mit einem intensiven Augenzwinkern die gesamte Statik des Hauses derart aus der Balance, dass alles in sich zusammenstürzen würde. Das war natürlich nicht in seinem Sinne, denn „Verwüste nie das Heim der Hand, die dich füttert!“ Das wusste er und starrte erneut intensiv auf die traurige Tulpe. Vorsichtig löste sich ein Blütenblatt und machte es sich auf einem Apfel in der gläsernen Obstschale gemütlich. Wunderbar, dachte der Kater stolz und setzte seine angeblichen Fähigkeiten weiterhin dafür ein, auch die weiteren Blätter zu Fall zu bringen, damit dieses Elend endlich vom Wohnzimmertisch verschwand. Was ihn überhaupt daran störte? Er war ein Ästhet! Selbst sein Katzenfutter konnte er erst genießen, wenn Frauchen es in einem der wundervollen Tonnäpfe und mit einer Trikolore verschiedenfarbiger Leckerlis garniert vor ihn stellte. Und wenn sein Frauchen diese Blume trotz ihrer immer schlafferen Optik derart prominent auf dem Wohnzimmertisch duldete, musste er eben härtere Geschütze auffahren. Ha, das nächste Blatt stürzte sich abwärts. Nur noch zwei Blätter und es wäre geschafft.
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Liliana schaute auf die Uhr, betrachtete ihren Kater, schüttelte kurz den Kopf, während ein leichtes Schmunzeln ihre Lippen umspielte. Knapp vier Stunden hatte sie an ihrem Laptop verbracht und immer wieder einen Blick auf ihren Herrn Reginald geworfen. Da saß er, mit regelmäßig vor Nervosität zuckendem Schwanz, sich ab und an hinter dem Ohr kratzend, und einmal hatte er seine Position kurz für einen Gang auf das Katzenklo verlassen. Schon ein eigensinniges Tier, dachte sie, nahm einen Schluck ihres kalten Kaffees, klappte ihren Laptop zu und verließ das Haus, begleitet von Herrn Reginalds skeptischen Blicken.
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Etwa zehn Minuten später betrat Liliana wieder das Wohnzimmer. Herr Reginald versteifte sich abrupt. In der Hand hielt sie einen ganzen Strauß Tulpen. Sie entfernte die Vase mit der einsamen Tulpe vom Wohnzimmertisch – dabei fielen die letzten zwei Blütenblätter ab – und stellte alsdann eine wesentlich größere Vase mit dem Tulpenstrauß dorthin. Herr Reginald ließ resigniert den Kopf hängen. Voraussichtlich schon in zwei Tagen würde er wieder stundenlang daran arbeiten müssen, dass die Blumen wieder vom Tisch kamen. Tja, als Kater hat man’s eben ganz schön schwer.




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