Mein Arbeitstag liegt vor mir. Ich betreue Menschen, die sich über meinen Besuch freuen und Hilfe benötigen. Manche brauchen Unterstützung beim Sortieren ihrer Medikamente, andere jemanden, der mit ihnen einkaufen geht oder einfach zuhört. Ich liebe die Sinnhaftigkeit meines Berufes und habe ein Feingefühl für ihre Bedürfnisse. Oft sind es die kleinen Momente – ein Lächeln, eine geteilte Erinnerung, eine gemeinsam getrunkene Tasse Kaffee, ein zusammen betrachtetes altes Foto –, die zeigen, wie wertvoll diese Zeit ist.

Noch bevor ich mich auf den Weg mache, bereite ich meistens meinen Eiweißshake zu, der mir Kraft für den Tag geben soll und den ich mal entspannt zwischendurch trinken kann. Ich rühre ihn zusammen, fülle ihn in meinen Mehrwegbecher, verschließe ihn gut und packe ihn in meine Tasche. Irgendwann zwischen zwei Terminen finde ich dann meist ein paar Minuten, um ihn im Auto zu trinken – mein kleines mobiles Mittagessen.

Dann packe ich alles zusammen, was ich für den Tag brauche, denn an diesen Tagen ist mein Auto mein Zuhause, neben den Wohnungen, in denen die Menschen leben, die ich betreuen darf. Meine zeitlichen Abläufe sind getaktet. Und ich fahre im Takt Ziel um Ziel an.

Über einen solchen Tag kann sich auch Druck aufbauen, der schleichend zunimmt. Dann würde man gern noch länger bei Lisa bleiben, der freundlichen Dame, die stark an Parkinson leidet und einen immer mit einer Energie in Empfang nimmt, dass sich diese so sehr mit meinem eigenen Sonnenschein vermischt, dass man sich dieser Atmosphäre so schnell gar nicht mehr entziehen möchte.

Und doch – die Zeit drängt.

3 Klekse

Ich merke, wie meine Antworten von Besuch zu Besuch knapper werden, die Begrüßungen eher einer mit Vorwürfen gespickten Stimmung weichen, weil ich mich zunehmend verspäte. Die Zeit kann und will ich einfach nicht „reinholen“. Dann fehlen mir die kostbaren Minuten bei meiner Betreuungsarbeit. Und Samuel hat doch genau denselben Einsatz von mir verdient wie Ernesa, Anna oder Josef.

Der Druck steigt weiter – und es ist doch erst 11.30 Uhr. Noch fünf Besuche liegen vor mir und ich gönne mir eine kurze Auszeit in meinem Auto. Meinem treuen Gefährt, das mir so gute Dienste leistet, das ich hege und pflege – vielleicht manchmal sogar ein wenig zu viel.

Nun, jedenfalls genehmige ich mir jetzt meinen Shake und freue mich sehr auf die Energie, die er mir zurückgeben wird. Ich greife zur Tasche in der Mittelkonsole, öffne den Reißverschluss, nehme den Becher in die Hände und …

… PAAAAAAM!!!

Mit der Wucht eines Sektkorkens schießt mir mein halber Liter Eiweißshake mit Vanilleeisgeschmack um die Ohren. Der Deckel donnert gegen das Autodach und mein „Mittagessen“ regnet in meinem Auto nieder, schlüpft in Ritzen, besudelt meine Kleidung.

3 Klekse

Ich also – als mit Eiweißshake begossener Pudel – schnappe mir alles, was ich gerade zum Aufputzen greifbar habe. Eben nicht viel. Ich, im Grunde eine sehr ruhige und sonnige Person, drücke aufs Gas und fahre zum nächsten Klamottenladen. Ich statte mich mit der nächstbesten Billigjeans aus – die Gedanken ignorierend, wie mein Auto vermutlich müffeln wird in der nächsten Zeit, selbst nach einer intensiven Reinigung …

Egal, ich inzwischen wieder halbwegs vorzeigbar und eiweißshakefrei eingekleidet, den Sitz mit einem Einkaufsbeutel abgedeckt und trockengelegt, fahre zu meinem nächsten Termin. Mit 45 Minuten Verspätung. Noch mehr Druck.

Und ich schwöre mir, dass ich zukünftig für eine entspanntere Taktung in meinen Tagesabläufen sorgen werde, damit der Druck nicht so stark werden kann, dass ich am Ende explodiere – wie mein Eiweißshake.